„Echt? „ Das glaub ich nicht, du bist wieder nach
Hintertupfingen gezogen?"

Freue mich immer noch wie ein Schneekönig, wenn ich an
vertrauten Plätzen, am Ententeich, dem alten Kloster, meiner Schule vorbeigehe,
auch über die uralten Waldwege, die ich wieder entdecke.Wundere mich aber auch über manche
Regeln, zum Beispiel, wie ein Garten auszusehen hat.Das ging so weit , dass
ich, nachdem wir im Vorgarten auf
dringenden Wunsch der Nachbarn (“ Das kann ja rüberwehn“) die Blütenstände der wunderschöenen Stockrosen entfernt hatten, trotzig einen alten Gartenzwerg hinein gestellt
habe. Wenn schon( spießig) , denn schon.
In das Gemüsebeet lasse ich mir aber nicht reinreden, und
die biovegan angebauten Kohlrabi, Bohnen, Zucchini, Ringelblumen, Kräuter
wachsen schön, auch ohne tierischen Dünger!
Gibt’s denn hier überhaupt was für Veganer? Lust uns mal auf einen Nachmittag in
die Fußgängerzone zu begleiten?
Also los.
Erster Anlaufpunkt ist der
Eine-Welt-Laden, dort gibt es kleine Packungen mit kandierten Ingwerstückchen,
veganer geht’s gar nicht, und eine Sorte Weingummidelphine ohne Gelatine. Nicht
allein das macht dieses Lädchen so anziehend, die haben ja auch diese hübschen
Korbsachen, Stoffe und Gewürze. Außerdem sitzen da immer echt nette Leute drin,
mit denen man plaudern kann. Als ich einmal gefragt habe, woher das Leder für die indischen Geldbeutel sei, und
was für Leder es sein kann, weil ja in Indien Kühe heilig wären, hat ein
Mitarbeiter den Katalog nach den Infos durchsucht. Er möchte da auch mal
nachfragen , weil ihn das selbst so wundert, sagte er uns.
Weiter geht’s, vorbei
an Schlachter Punsink, es riecht furchtbar,- irgendwie nach roher Leber-, aus dem
dunklen Geschäft mit den Fliesen und dem langen Tresen. Dazu gehört ein Imbiss,
am Stehtisch beißt gerade ein Hintertupfinger in irgendetwas Schlimmes, nicht
hinschauen und weiter. Als Vegetarier ging das jahrelang, doch seitdem ich
vegan lebe, scheint meine Nase empfindlicher zu sein, ich kann den Geruch kaum
aushalten.
Gegenüber am Platz das Reformhaus, ein Lichtblick, es kommt
mir nach Punsink vor wie eine Oase der Friedfertigkeit.
Wir betreten es, Karl sucht sich eine vegane Apfeltasche aus,
ich erstehe meine Lieblings-Tartex, die Sorte „Winzer“. Tartex hat gerade 50-jähriges Jubiläum und sie haben für eine limitierte Auflage die alten
Packungen für die Sorten Delikatess und Kräuter gedruckt.

Damals als Veggie hat man in
Restaurants gebackenen Camembert
oder Gemüsebeilagen gegessen und jeder hat orakelt, dass man bald durch einen
Eisenmangel entkräftet würde. Damals wusste man nicht viel über pflanzliche
Ernährung, dass sie alles enthält, was der menschliche Organismus braucht.
Selbst der Hinweis auf sich pflanzlich ernährende Gorillas oder Elefanten änderte nichts am besorgten
Gesichtsausdruck des Gegenübers. Naja, ist ja heute auch noch manchmal so.
Die Nostalgie-Tartex
haben wir uns natürlich gleich gekauft und die Schildchen aufbewahrt.
Darauf sieht man eine 60iger-Jahre-Frau mit
gestärkter Schürze, die eine Stulle hochhält , dazu der Spruch: „50 Jahre Genuss
aus Freiburg - nach einer Originalrezeptur von 1962.“ Etwas für oldschool-Veganer!
Jetzt gehen wir zur Eisdiele. Dort gibt es Sojaeis,
Schokolade und Vanille! Und das sehr
lecker.Waren wir fröhlich, als wir das entdeckt haben letzten Sommer. In Großstädten gibt es zwar schon vegane Eisdielen, hier ist wirkliche ein Highlight, dass sie vegane Sorten haben. Heißt es
doch für uns, dass wir uns auch mal zum Eis
essen dort hinsetzen und nicht nur gekauftes, bestelltes veganes Eis zuhause essen können!
Die vegane Sprühsahne haben wir dabei, denn heute wollen wir
einen Eiskaffee trinken.
Es ist sehr voll draußen, doch ein Tisch wird gerade frei.
Wir setzen uns, bestellen beim netten rotbekittelten Kellner : "Wir hätten gern zwei Eiskaffee mit Sojaeis
ohne Sahne". Der höfliche Mann stutzt wirklich nur ganz leicht, notiert es
artig und umkreist weiter die Tische.
Ein Ehepaar, beide um die 60, nähert sich unserem Tisch,
fragt, ob die beiden Plätze noch frei wären, wir bejahen. Sie ist sorgfältig
geschminkt, hat eine Brille mit goldenem Rand
und ist in so Boutiquenchic gekleidet, weiß mit schillernden Pailetten-
er ganz lässig in Jeans und hellblauem Poloshirt -wahrscheinlich vom örtlichen Herrenaustatter Putzelmann.
Sie haben gerade die Köpfe in die aufgeklappte bunte Karte
gesteckt, als der Kellner mit unseren
Eiskaffees herangerudert kommt.
Mit der Ankündigung: „Zwei Diabetikereiskaffee, bittschön.“ stellt er die Pokale vor uns auf den
Tisch.
Die beiden Köpfe gehen gleichzeitig hoch und schauen
neugierig auf die Becher und dann auf uns.
„ Möchten Sie schon etwas bestellen, die Dame?“, fragt der
Kellner im selben Moment.“ „Danke, nein. Wir gucken noch“, antwortet der Mann,
obwohl er ja gar nicht gefragt wurde.
Sie studieren weiter die Eiskarte, während ich langsam die
Sprühsahne aus der Tasche ziehe. Erst etwas zögerlich, doch dann sag ich mir, „hey du traust dich
sonst ganz andere Sachen, also hopp“. Außerdem ist mir das wichtig, solche
Miniängste zu überwinden, denn ich weiß ja, wie sehr die Tiere wegen des
unreflektierten Milchkonsums leiden müssen. Also sollten wir Veganer tapfer
sein, auch wenn wir anecken oder auffallen. Ich frage auch immer beim Bäcker, in Cafés und Läden nach den
Zutaten.
Und die leckere „Hau wech“ Sprühsahne gehört einfach auf den
Eiskaffee. Also nur Mut! Ich schüttele kurz, halte die Dose über Karls Becher
und sprühe drauflos. Ein schönes Top mit einem gelungenen Kringel entsteht.
Muss ich noch erwähnen, mit was für Gesichtsausdrücken das Ehepaar mittlerweile
ausgestattet ist?
Dann halte ich die Sahne über meinen Eiskaffee, sprühe
drauflos, ein komisches Schnattern kommt aus dem Blech, pff pfff und viele
kleine weiße Sahnefetzen verteilen sich explosionsartig über dem Tisch,
sprenkeln Poloshirt, Goldrandbrille, meine Bluse, Karls Sonnenbrille..
Stille. Auf einmal höre ich ein heiseres Lachen, der Mann
fängt an, dann gackert die Frau los und
wir halten es auch nicht mehr aus. Der ganze Tisch lacht und Leute an den Nebentischen müssen mitlachen,
auch wenn sie teilweise gar nicht wissen, warum.
Der Kellner steht plötzlich da.“Möchten Sie etwas
bestellen?“ „Ja“, sagt der Mann: Wir hätten gern vier Tamazotti!“ „Und einen Lappen“, ergänze ich kleinlaut.
Anschließend haben
wir uns übrigens noch sehr gut unterhalten. Haben ihnen erklärt, dass wir
Veganer sind und warum, und sie waren richtig interessiert. Vor allem die Frau
ist sehr nachdenklich geworden und hat mir ihre Emailadresse gegeben, damit
ich ihr Rezepte und Infos schicken kann, was ich auch gemacht habe. Sie hat
sich bei Rezeptefuchs registriert und uns sogar einmal mit einer Einladung zu
einem veganen Erdbeerkuchenessen bei ihnen im Gartenhäuschen überrascht.
Da dachte ich bei mir:
Es lässt sich ja doch ganz gut leben als Veganer in Hintertupfingen.
*Susanne*
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